von Ulrich Gross
Köln. Mehr als unzufrieden sind Kölns Einzelhändler in der City mit den Rathaus-Politikern. »Jeden Tag wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben statt eine konsequente Linie der Innenstadt-Entwicklung zu verfolgen,« ärgert sich Heinrich Remagen, Vorstandsvorsitzender von City-Marketing Köln. »Das Gesamtkunstwerk Innenstadt Köln wird nicht richtig gewürdigt. Als Einzelhändler kommen mir die Tränen, wenn ich an die fehlende Unterstützung durch die Stadt denke«, ergänzt Ralf Pütmann, Vorstandsmitglied der Galeria Kaufhof Warenhaus AG. Sieben „Interventionsräume“ enthält der Masterplan für die Innenstadt des Büros AS&P Albert Speer & Partner, der mit Spannung erwartet wird.
»Hat die City eine Zukunft?« wurde auf einer Veranstaltung von City-Marketing Köln im Rotonda Businessclub heftig diskutiert. Untertitel des sehr kritischen Abends: »Handel Morgen: Monotonie oder Hot Spot für Stilbewusste?« Als scharfe Kritiker zeigten sich die Podiumsgäste, die Moderator Helmut Frangenberg, Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers, präsentierte. Sie packten richtig aus, schilderten ihre Sorgen und sparten nicht mit Tadel.
Sinkende Umsätze trotz hoher Passanten-Frequenz
»Die Konsensrunde im Rathaus behindert den Handel, wenn sie die gesetzlich zulässigen vier verkaufsoffenen Sonntagen auf drei beschränkt«, ärgert sich Heinrich Remagen. Wie alle beobachten können, lieben die Shopper den Einkaufsbummel in ihrer Freizeit – also in den späteren Abendstunden oder auch am Sonntag. Denn sie wollen in der City viel erleben, nicht nur ihre ihren üblichen Einkauf erledigen. »Hohe Straße und Schildergasse haben zwar hohe Passanten-Frequenzen, aber in den Geschäften sinkt der Umsatz,« hat Hilmar Juckel von der BBE Retail Experts Unternehmensberatung festgestellt.
Stadtplaner Michael Heller hat viele »Grauzonen« in der City analysiert, die dringend optimiert werden müssten. Dazu gehört auch das Opern-Veedel. Diskutiert wird sogar, auf der Schildergasse gegenüber dem „Weltstadthaus“ von Peek & Cloppenburg ein Haus abzureißen, um so Oper und Schauspielhaus aus ihrem Schattendasein zu erlösen. Für die Ringe und ihren Look hat Heller nur Spott. »Auf dem Salierring stehen ganze zwei Bäume. am Hansaring ist der Mittelstreifen eine Parkzone, am Sachsenring eine Grünanlage, die keiner nutzt. Erinnern Sie sich an den Stadtbaumeister Stübben, den Erschaffer der Ringe. Der baute diese als Musterbeispiel für Stadtbaukunst. Davon merkt man heute nichts mehr.«
Sprengsatz an den Deutzer Bahnhof
Große Chancen sieht Heller für den Inneren Grüngürtel. »Das sollte der Central Park von Köln werden«, schlägt er vor. „Am Deutzer Bahnhof würde ich am liebsten einen Sprengsatz legen. Der wirkt völlig verloren. Der erste Endruck ist ein großes Werbeschild für ein WC-Center. Die Messe wirkt wie eine Ansammlung von Industriehallen in Fertigbauweise. Die müssten mit urbanen Bauten ummantelt werden, Geschäften, Gastronomie, Wohnungen. Deutz sollte insgesamt in Richtung Mülheim verdichtet werden.“
Den beiden letzten Messe-Chefs Ebert und Witt wurde vorgeworfen, selbstherrlich nur das Wohl ihrer Gesellschaft im Auge gehabt zu haben. Das beweise auch die Lage der Hallen, die von der City und auch der Deutzer Geschäftswelt komplett isoliert gebaut wurden. »Köln hat den Vorteil einer Messe in der Innenstadt wie auch Frankfurt. Andere Städte wären froh, wenn ihre Ausstellungsgelände so nahe an der City lägen,« erklärte Michael Heller. Der neue Messe-Boss Gerald Boese scheint offener gegenüber den Wünschen des Handels in der City.
In Colani-Eiern den Rhein überqueren
Das Zentrum der Schäl Sick mit ausreichend Platz für größere Städtebauprojekte wurde auch von Heinrich Remagen angeschnitten. »Köln muss einen Wettbewerb den weltweit besten Architekten starten, um ein neues Wahrzeichen zu bekommen. Wir können keinen zweiten Dom bauen, um weltweit Aufsehen zu erregen. Aber wir müssen uns etwas Tolles, Einmaliges einfallen lassen. Da darf Geld keine Rolle spielen, denn wir erhalten über Jahre kostenlos Werbung für unsere Stadt. London hat z. B. das Riesenrad ‚Big Eye’ gebaut, das eigentlich keiner braucht. Trotzdem hat das Große Auge der Stadt Schlagzeilen gebracht.« Remagen sucht nach einer sensationellen Lösung für die Aufgabe, den Hauptbahnhof mit dem Deutzer ICE-Bahnhof zu verbinden. »Da könnten die Passagiere in schnellen ‚Colani-Eiern’ den Rhein überqueren,« denkt der City-Marketing Köln-Präsident laut nach.
Wie kurzsichtig die Verwaltung Initiativen des Handels manchmal verhindert, berichtete Klaus-Dieter Weichbrodt, Geschäftsführer Globetrotter-Ausrüstung mit seinem Flagship-Store im Olivandenhof. »Ich habe 200 00 wasserfeste Stadtpläne drucken lassen. Als ich einen Polizisten sah, der einer Passantin im Regen den Weg auf seinem total zerfledderten Stadtplan zu erklären versuchte, habe ich spontan den Polizisten meine Pläne kostenlos angeboten. Ich bin dieses Geschenk nicht los geworden, wurde sogar eines Korruptionsversuchs verdächtigt.«
Nur wer zahlt erhält einen strahlenden Weihnachts-Stern
Globetrotter sagte trotzdem eine Spende für die Weihnachtsbeleuchtung der Schildergasse zu, obwohl sein Ladenlokal in der »Grauzone« hinter dem Neumarkt liegt. Die Weihnachtsbeleuchtung wird auch in dem Jahr kein Highlight der Kundenpflege des Kölner Handels darstellen. Die Hohe Straße bleibt wieder dunkel, weil die Geschäfte ihre Gewinne lieber behalten als diese für die Passanten auszugeben. Auf der Schildergasse kann man deutlich sehen, wer sich an den Kosten beteiligt. Denn nur vor deren Läden leuchten Sterne.
»Wir müssen die Menschen begeistern, damit sie gerne in Köln einkaufen«, forderte Globetrotter-Manager Weichbrodt. »Die Stadt muss die ganzheitliche Aspekte besser beachten,« verlangte Kaufhof-Vorstand Pütmann. „Viele, die heute noch Regelungen wie die 37,5-Stunden-Woche verteidigen, werden weinen, wenn sie nur noch 20 Stunden arbeiten dürfen“, prophezeite Heinrich Remagen. »Im Stadtrat sitzen keine Einzelhändler. Die Kommunikation zwischen Politik und Handel muss verbessert werden,« verlangte Unternehmensberater Juckel. »Dafür muss die Lobbyarbeit intensiviert und der Druck verstärkt werden.« »Unser Masterplan sollte das Regiebuch der Zukunft sein«, wünschte sich Stadtplaner Heller. »Köln braucht Querdenker, über deren Ideen die Welt spricht« hofft der Präsident von City-Marketing Köln.